
Hämophilie und Sport
Sport verbessert die körperliche Leistungsfähigkeit, macht Spaß, baut Stress ab, ist gut fürs Selbstvertrauen und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Das allein wären schon genug gute Gründe, um Sport zu treiben. Einen besonderen Nutzen bietet er aber Menschen mit Hämophilie: Sport kann bei Kindern und Erwachsenen durch das kontinuierliche Training von Muskeln, Koordination, Schutzreflexen und Gleichgewicht wirksam vor Verletzungen schützen. Zudem hilft er auch, gelenkschädliches Übergewicht zu vermeiden. Was du für dich (oder dein Kind) beim Sport berücksichtigen solltest – dazu findest du im Folgenden einige nützliche Informationen und Tipps.
Was ist der ideale Sport für Menschen mit Hämophilie?
Bei der Wahl der Sportart solltest du neben deinen Neigungen und Fähigkeiten das Verletzungsrisiko und die Belastung der Gelenke berücksichtigen. Grundsätzlich lassen sich Sportarten in Hinblick auf Hämophilie drei Risikokategorien zuordnen, auf die wir im Folgenden näher eingehen.
Empfohlene Sportarten
In jedem Fall empfehlenswert sind Sportarten, bei denen Stürze und Stöße so gut wie nie vorkommen und die du ohne Körperkontakt betreiben kannst. Dazu gehören zum Beispiel Schwimmen, Wandern, Walking, Ski-Langlauf, Rudern und Kanusport, Tischtennis oder auch Bogenschießen.
Sportarten mit mittlerem Risiko
Bei vielen Sportarten lässt sich ein bestehendes Verletzungsrisiko mit der passenden Ausrüstung minimieren. Mit Helm und/oder Protektoren kannst du zum Beispiel problemlos Fahrrad fahren oder inline-skaten. Bei anderen Sportarten kannst du auf andere Weise Vorsorge treffen. Auf dem richtigen Belag (Asche statt Hartboden), mit der richtigen Intensität (Doppel statt Einzel) und guter Technik (Schulter und Ellbogen entlastende Griffhaltung) ist dann auch Tennis möglich.
Sportarten mit hohem Risiko
Bestimmte Arten von Sport solltest du bei Hämophilie eher meiden. Das sind insbesondere solche mit intensivem Körperkontakt wie Boxen, Judo, Eishockey, Handball oder Rugby. Klettern im Berg oder Skateboarden sind wegen der erhöhten Sturzgefahr ebenfalls nicht empfehlenswert. Das Gleiche gilt für Sportarten mit abrupten Stopps oder Richtungswechseln wie zum Beispiel Squash. Das Erlernen von Kampfsportarten wie Karate, Tae-Kwon-Do oder Tai-Chi kann wegen der präzisen Bewegungsabläufe deine Körperbeherrschung verbessern helfen – du solltest sie aber nur unter Aufsicht qualifizierter Trainerinnen oder Trainer und niemals im Kampfmodus betreiben.
Wenn du dich für eine Sportart mit hohem Risiko entscheidest, ist es besonders wichtig, dass du das mit deinem Behandlungsteam bespricht. So kann deine Therapie eventuell angepasst werden kann, damit du trotzdem bestmöglich geschützt bist.
Ein zusätzliches Risiko: dein Ehrgeiz
Sportwettkämpfe bergen immer die Gefahr, dass du mehr ins Risiko gehst. Beim Fußball-Kicken mit Freunden, die von deiner Krankheit wissen, wirst du auf riskante Kopfbälle verzichten. Aber auch in einem Ligaspiel kurz vor Abpfiff und mit der Chance auf das Siegtor? Heißt: Wettkämpfe, bei denen sich Körperkontakt nicht vermeiden lässt, können ein unnötiges Risiko sein.
Auf den ersten Blick hast du vielleicht den Eindruck, dass dir aufgrund deiner Hämophilie viele Sportarten verschlossen sind. Das stimmt aber nicht. Mit ein wenig Suche und/oder einer sportärztlichen Beratung wirst du eine Sportart finden, die dich motiviert und es dir leicht macht, dauerhaft dabeizubleiben. Für viele davon kannst du zudem mit gezieltem Muskelaufbau eine gute Grundlage schaffen.
Krafttraining: gezielt Muskeln aufbauen
Mit Krafttraining kannst du die Arbeitsfähigkeit und die Widerstandsfähigkeit deiner Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder stärken und so dein Verletzungsrisiko senken. Damit sich dieser Effekt aber auch einstellt, solltest du ein paar Dinge beachten.
Einfach ins Fitnessstudio? Eher nicht
Personal im Fitnessstudio kennt sich in der Regel nicht mit Hämophilie aus. Du musst also dein eigener Trainer sein und wissen, welche Belastung du dir zumuten kannst. Sprich also am besten vorher mit einer Sportmedizinerin oder einem Sportmediziner darüber, welche Übungen an welchen Geräten für dich in Frage kommen.
Weniger Intensität, mehr Intervalle
Training mit schweren Gewichten und permanente Maximalbelastung sind für deine Gelenke keine gute Idee. Erst recht nicht, wenn du noch in der Wachstumsphase bist: Dann kann es sogar zu einem vorzeitigen Verschluss der Wachstumsfuge der Knochen kommen. Doch auch mit Bluterkrankheit gibt es körperliche Aktivitäten, mit denen du gezielt auf den Muskelaufbau hinarbeiten kannst.
Beim Low-Impact-Weight-Training verzichtest du bewusst auf schwere Gewichte und Bewegungen, die Muskeln, Gelenke, Knochen, Bänder und Sehnen stark belasten. Dafür machst du mit leichteren Gewichten mehr Intervalle. So bleibst du unter deiner vollen Belastungsgrenze, trainierst aber trotzdem sehr effektiv und profitierst gleich vielfach:
- Permanente Verbesserung deiner Kraft und allgemeinen Fitness
- Stärkung deiner Muskulatur ohne Überlastung von Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern
- Kräftigung deines Herz-Kreislauf-Systems, bessere Regulierung von Ruhepuls und Blutdruck
Steigerung deiner Leistungsfähigkeit auch in anderen Sportarten
Abwechslung ins Training bringen
Mit zusätzlichem Zirkeltraining beanspruchst du in kurzen Sets unterschiedliche Muskelgruppen und dein Herz-Kreislauf-System. Ergänzend dazu kannst du deine Ausdauer auf dem Stepper oder Laufband verbessern. Moderne Geräte sind fast immer mit gelenkschonenden Schock-Absorbern ausgestattet.
Die Elektro-Myo-Stimulation (EMS), bei der kleine Elektroden am Körper mit niederfrequentem Reizstrom die tiefen Muskelschichten stimulieren, solltest du dagegen nur nach Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt nutzen.
Weitere Informationen und weiterführende Links zu geeigneten Sportarten findest du auf der Seite der Deutschen Hämophiliegesellschaft.
Aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Sport und Hämophilie findest du auf einer Seite des Lehrstuhls für Sportmedizin, Bergische Universität Wuppertal.
Sport und Hämophilie in der Schule
Sport in der Schule ist ein Sonderfall, weil die Teilnahme zum Regelunterricht gehört. Es spricht auch nichts dagegen, dass ein Kind mit Hämophilie am Sport-Unterricht teilnimmt. Als Vater oder Mutter solltest du dich aber zu Beginn des Schuljahres mit der Lehrkraft und dem behandelnden Hämophilie-Zentrum besprechen: damit die Lehrkraft weiß, was für dein Kind in Frage kommt und was nicht, was zu beachten ist und was sie im Notfall tun kann.
Umgang mit Risikosportarten
Besonders wichtig im Gespräch ist die Sensibilisierung der Lehrkräfte für Hochrisikosportarten. Denn gegebenenfalls lassen sich einige davon für ein Kind mit Hämophilie „entschärfen“: Volleyball kann man zum Beispiel auch mit einem Softball spielen. Im Einzelfall kann das Kind auch eine Sonderaufgabe übernehmen, zum Beispiel als Schiedsrichter ein Fußballspiel leiten.
Umgang mit Übermotivation
Kinder mit Hämophilie wollen sich im Sport aufgrund ihrer besonderen Situation häufig auch besonders beweisen. Dann muten sie sich schnell zu viel zu oder gehen zu sehr ins Risiko. Deshalb sollten Lehrkräfte ein Gespür dafür entwickeln, das Kind auch mal zu bremsen. Sie sollten auch die Symptome einer Blutung erkennen und wissen, was sie bei einer Gelenkschwellung, Hinken, einer Erwärmung der Gelenke oder eingeschränkter Beweglichkeit tun können.
Umgang mit Notfällen
Wenn einmal etwas passiert, sollten Lehrkräfte die wesentlichen Handgriffe kennen: das betroffene Gelenk sofort ruhigstellen, kühlen und hochlagern, um ein weiters Anschwellen zu verhindern. Je nach Art der Blutung sollte auch eine elastische Bandage oder eine sterile Kompresse aufgelegt werden. Hilfreich ist es auch zu wissen, wo das Notfall-Faktorpräparat deponiert ist. Für schnelle, professionelle Hilfe sollten Lehrkräfte Kontaktdaten haben – gegebenenfalls auch die der behandelnden Praxis.
Bei jedem Sport wichtig: gut vorbereitet sein
Ob Schul- oder Freizeitsport, Halle, Ruderstrecke oder Fitness-Studio: Die nachfolgenden Punkte zu beachten, kann dir dabei helfen, lange Zeit Freude an deinem Sport zu haben und unnötige Verletzungspausen weitestgehend zu vermeiden.
Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt führen
Bevor du eine neue Sportart ausprobierst, solltest du dich vorab mit deinem Behandlungsteam dazu abstimmen. Zum Beispiel zur Medikation: Je nach Therapie kann bei höherer körperlicher Belastung eine Anpassung erforderlich sein. Deshalb ist ärztliche Beratung hier besonders wichtig.
Vorher aufwärmen, nachher abkühlen
Um das Blutungsrisiko zu minimieren, empfiehlt es sich, vor Beginn des Trainings ein ausführliches Warm-up zu machen. Das bringt das Herz-Kreislauf-System auf Trab und macht die Gelenke und Sehnen beweglich und geschmeidig. Schließt du deine Einheit dann noch mit ausführlichen Dehnübungen ab, steht der nächsten nichts im Weg.
Mit Hämophilie Sport treiben: das Notfall-Kit ist stets dabei
Verletzungen sind beim Sport auch bei aller Vorsicht nicht immer vermeidbar. Damit du (oder eine geschulte Begleiterin oder Begleiter) im Notfall schnell reagieren kannst, empfiehlt es sich, immer eine Notfalldosis deines Medikaments, ein Kühlpad (vorgekühlt) und die Kontaktdaten deines Hämophilie-Zentrums dabei zu haben.
Schwachstellen im Auge behalten
Auf die Tagesform deines Körpers zu achten und über den Zustand deiner Gelenke Bescheid zu wissen, kann dir helfen, lange Verletzungspausen zu vermeiden. Dafür kannst du die folgende kurze Checkliste nutzen:
- Wann war deine letzte Gelenkblutung?
- Wo und wie stark war sie?
- Ist das Gelenk wiederholt von Blutungen betroffen?
Ein besonderes Augenmerk solltest du auf Gelenke richten, in denen schon wiederholt Blutungen aufgetreten sind. Diese Zielgelenke (target joints) haben nämlich eine erhöhte Anfälligkeit für Folgeblutungen, die im schlimmsten Fall zu dauerhaften Folgeschäden und Bewegungseinschränkungen führen können.
Was tun bei einer Blutung?
Tritt doch einmal eine Gelenkblutung auf, solltest du dem betroffenen Gelenk eine Ruhephase von 3 bis 4 Tagen gönnen. Danach kannst du mit leichter Physiotherapie beginnen, um einer Gelenkversteifung vorzubeugen. Das sind allerdings nur Richtwerte. Über deine Schonfrist und deinen Wiedereinstieg in die Belastung sprichst du am besten individuell mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Quellen:
1) Srivastava A, et al. WFH Guidelines for the Management of Hemophilia, 3rd edition [published correction appears in Haemophilia. 2021 Jul;27(4):699.]. Haemophilia. 2020;26 Suppl 6:1-158.